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Dinge oder 'On The Other End Of The Wire'

IMG_5469.jpgich weiß garnicht, wo ich anfangen soll. ich schreibe dir hier, weil du mir woanders gerade nicht zuhörst. auch hier wirst du mir nicht zuhören. kannst du auch garnicht, denn du verstehst kein deutsch, aber so werde ich es immerhin los und ich muss es scheinbar dringend loswerden. ich verstehe dich vielleicht noch immer nicht. ein bisschen mehr jetzt als früher, aber eigentlich bist du mir immer noch ein rätsel. ich hab dir damals an diesem frostigen abend in finnland, an dem wir uns das letzte mal sahen, gesagt, dass ich dich vermutlich für immer lieben werde. so auf eine ganz bedingungslose und unverbindliche art. einfach so, hab ich gesagt. aber eigentlich liebte ich dich nicht nur einfach so, sondern weil du mir halt gabst, du in so einer schweren zeit für mich da warst, mir angst genommen hast. ich hab dich angesehen und mich gut gefühlt, wenn alles andere scheiße war. du brachtest mich zum lachen, zum nachdenken. ich hab dich gesehen; gesehen wie auch du taumelst. ich hab gesehen, wie auch ich dir gut tat.

und dennoch, du warst mit einem beim immer auf der flucht. immer dabei emotional entfernt zu bleiben. ich durfte zu gewissen teilen in deiner nähe sein, aber nur im genau richtigen abstand. du gabst mir ausreichend brotkrumen, damit ich blieb aber deine worte blieben heiße luft. ich hab so sehr versucht deine signale zu dekodieren aber jetzt erst ist mir klar, dass du wahrscheinlich garnicht dekodiert werden wolltest. es scheint so, als war ich da, um deine bedürfnisse zu erfüllen und manchmal passte das zufällig auch zu meinen bedürfnissen. es wird seine gründe haben, warum das so war. ich hab mich lange gefragt, ob ich allein an unserem miteinander schuld bin. ich hab immer das gefühl gehabt, etwas unwiederbringliches verbockt zu haben. ich hab da lange festgesteckt. ich würde beinah sagen viel zu lange, wenn ich denn nicht der festen überzeugung wäre, dass man eben immer genau so lange mit einer sache beschäftigt ist, bis man die dinge daraus gelernt hat, die man wissen muss.

vor 6 jahren lies ich dich dann einfach zurück, weil ich nicht mehr konnte und nie wieder auf das, was da war, zurück blicken wollte. funktionierte nur halb, denn da blieben immer diese kleinen emailfluchten. da standest du also 6 jahre später wieder vor mir. nach 6 jahren vergangenem leben stehen wir plötzlich wieder einander gegenüber und ich hab nicht die geringste ahnung, was ich von dir will noch was du von mir willst. du hast sicherheitshalber ''bodyguards'' dabei, die immer für genügend abstand zwischen uns sorgen. ich höre deine stimme, ich sehe dein lächeln, ich fühle mich, wie damals, so verdammt gut in deiner nähe. wir haben diesen abend. ich zeig dir ein bisschen von dieser stadt, von meinem leben, ich lass dich in meinen kopf und höre dir zu. du liegst plötzlich ausgestreckt auf den pflastersteinen und grinst über beide ohren. das grinsen, in welches ich mich hals über kopf verliebt hatte. das grinsen, das in mir damals feuerwerksexplosionen auslöste. du siehst glücklich aus. ich frage dich und du sagst es auch. du zeigst mir deine neusten lieder, schaust mich an und lässt mich in deinen kopf. ich bin beruhigt, das da kein blödes gefühl zwischen uns ist. ich habe plötzlich die idee, als könnten wir gut miteinander sein. irgendsowas wie freunde. alles stabil, alles in ordnung.

und dann passiert es. der abend neigt sich dem ende. du verschwindest. du singst da diese eine zeile und ich reagiere nicht. wir merken vielleicht beide, dass wir jetzt gerade nicht in der lage sind etwas anders zu machen, gerade zu biegen, umzudrehen. wir haben zu wenig gesagt, zu wenig zeit, zu wenig raum. oder vielleicht auch einfach die zeit um jahre verpasst und eigentlich auch garnichts sagen wollen. da steht plötzlich die erfahrung im raum, dass wir beide keine ahnung mehr haben, wer der andere eigentlich ist. ich bemühe mich, wie vor jahren, deinen rückzug aufzuhalten. mechanismen, die ich gut abgespeichert habe. es hilft genauso wenig, wie damals. es macht mich genauso traurig, wie damals.

du hast mich nach alten bildern aus diesen jahren gefragt. mir drehte sich sofort der magen um, weil ich die bilder zusammen gesammelt irgendwo auf meiner externen festplatte vor mir selbst versteckt hatte. ich wollte dich ja schließlich gründlich aus meinen leben löschen. oder eben nicht ganz so gründlich. eher ein wenig aus meinem blickfeld räumen. ich hab sie dir rausgesucht. ich hab mich dort hingewagt, wo ich nie wieder hinwollte: in den keller meiner ängste, wo die ganz schmerzhaften dinge lagern, die man besser wann anders durchschaut und aussortiert.

tja. ich fand die bilder. ich lachte. ich freute mich. ich sah diese jungen versionen von uns und konnte nicht fassen, wie entfernt mir diese junge frau erscheint, welche mir so ähnlich sieht. ich erinnerte mich an vieles. manchmal an mehr gutes als schlechtes, dann wieder an mehr schlechtes als gutes. ich schickte dir die bilder und mit jedem einzelnen jpg, das bei dir ankam, wurde ich leichter und leichter. du, im gegenteil, entferntest dich weiter und weiter.

weisst du, du bist jetzt nicht mehr dieser dunkle fleck in meiner biographie, der mich irgendwo festklebt. du bist nun eine wunderbare erinnerung. immer noch ein wunderbarer, wenn auch wundersamer, mensch. ich verzeihe dir und ich verzeihe mir. ich danke dir für all die lektionen, die ich lernen durfte. ich danke dir für die zeit, die du mir gabst. ich hab keine ahnung, ob der wir irgendwann keine verbindung mehr zu einander haben. ich hab keine ahnung, wie ich dich dann irgendwann mal am ende meines lebens sehe. ich fänd es schön zu wissen, was mit dir noch alles so passiert. wo deine lebensreise dich hinbringt. wer du am ende deines lebens sein wirst. und vielleicht bekomme ich ja sogar irgendwann antworten auf all die fragen über dich.

du sagtest mal, unsere geschichte trägt den titel 'on the other end of the wire'. so war das wohl. so ist das wohl irgendwie immer noch. vielleicht bleibt es ja auch so. wir, immer irgendwo auf der anderen seite der leitung.