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Dinge oder Ein offener Brief für die Aggression.

handeja, denn. vielleicht mag dem ein oder anderen betrachter dieses blogs aufgefallen sein, das dass kind ja seit einem montag im oktober in den waldkindergarten gehen sollte, aber es das garnicht mehr tut. tja, erfahrungen haben wir damit sammeln können, bestand hatte diese veränderung nicht. der besuchsabbruch hängt eng mit dem thema zusammen, über das ich heute schreiben mag und zwar aggressionstabu in unserer gesellschaft. ich weiss nicht, wie es dir ergangen ist im laufe deines lebens, aber ich verstehe auf anhieb, was damit gemeint ist. dort in der kita war ein sehr wütendes kind. auffällig wütendender als alle anderen kinder. es schlug andere kinder und erwachsene. schlug mit gegenständen und zerstörte eigentum. der umgang mit diesem kind ging mir unbeschreiblich nah. so nah, das ich nachts nicht schlafen konnte und auch weinte. es gab elterngespräche, gedanken, wieder gespräche. ich möchte erwähnt haben, das die kitaleitung sehr bemüht ist um dieses kind. so sehr, das die einrichtung hilfe von einem renomierten institut bekommt und mittlerweile extra dafür ausgebildetes personal eingestellt hat. zwischenmenschliche faktoren mit dem personal, und auch mein sohn selbst, haben dann unser kitaprojekt zum ende gebracht.

niemand will gewalt. niemand will krieg. niemand will geschlagene kinder, frauen, männer, senioren, demonstranten, tiere, eigentum oder sogar bäume (ich gehöre auf jeden fall dazu). ich will nicht schlagen und ich will nicht geschlagen werden. und ich will auch nicht, dass mein kind schlägt oder geschlagen wird.

jetzt kenne ich aus meiner eigenen kindheit schläge. schläge von anderen kindern oder auch erwachsenen. ich habe als kind und junger erwachsener auch geschlagen, mit so einer enormen wut im bauch, dass auch mal blut floss und etwas dabei kaputt ging. sogar mich selbst habe ich vor lauter wut verletzt. aggression manifestiert sich jetzt nicht nur in physischer gewalt, sondern auch in verbaler. die kennen wir wahrscheinlich auch alle und finden sie so ziemlich alle auch beschissen, richtig?

wie gehen wir innerhalb der gesellschaft nun damit um? wie verhindern wir gewalt? oder unangebrachtes verhalten? bei erwachsenen, wie bei kindern? was ist das überhaupt, unangebrachtes verhalten? was erlernen wir in der kindheit und was tragen wir so in unserer erziehung, unserem vorleben und leben miteinander weiter? und welche völlig beknackten verhaltenweisen durchbrechen wir da nicht?

wenn ich mich also, in der runde meiner spannweite, mit diesen fragen im hinterkopf umsehe, gefallen mir die durchschnittsantworten darauf nicht. ich sehe gefühlsunterdrückung, gegengewalt, bestrafung, hilflosigkeit, gesellschaftlicher ausschluss, demütigung, bloßstellung, entwertung und ganz extrem wenig hilfe.

ich spreche aus meiner erfahrung und sage, hätte mich jemand im laufe meiner kindheit und jugend mal gefragt, WARUM ich denn eigentlich so verdammt zornig bin, anstatt mich zu korrigieren, zuverurteilen und bloßzustellen, wäre allen inkl. mir selbst besser geholfen gewesen. das passierte nicht ein einziges mal in 25 jahren. mich hat 25 lebensjahre niemand gefragt warum ich so wütend bin, und so hab ich mich das auch nie gefragt, sondern habe die annahme geteilt, das dass einfach nicht relevant sondern nur falsch ist. das hat übrigens katastrophal weitreichende folgen für die persönlichkeitsentwicklung und bindungsfähigkeit, wenn man sich andauernd falsch fühlt.

der erste, der mich das fragte, war mein damaliger therapeut. ich besuchte ihn wegen meiner 'abnormalen' aggression mir selbst und anderen gegenüber. ich schwör euch, ich war und bin hin und wieder noch ziemlich wütend auf eine ganze menge von dingen. vor allem reagiere ich auf aggressivität und angriff, wie ein vom wahnsinn gepackter irrer. daran arbeite ich nun. die simple frage nach dem warum, hat mich damals tief getroffen. bis ganz nach unten, wo es wirklich ekelhaft und auf mehreren ebenen schmerzt. mit der antwort auf das 'warum' kam die, für mich noch viel erschreckendere erkenntnis, das ich, entgegengesetzt jedweder meinung in meinem umfeld, allen grund dazu hatte. ich, mitsamt meiner wut, hatte daseinsberechtigung. und ich bin nicht nur nicht-schuld daran, sondern opfer einer verweigerten hilfe und gesellschaftlich normierten unterdrückung von gefühlen, die normal sind, gesund sind und mir das überleben sichern sollen, in jedem alter.

was also ist aggression und wofür ist sie da?

'Aggressives Verhalten steht eng im Zusammenhang mit Verhaltensweisen wie Angriff, Flucht und Verteidigung. Die Stärke des aggressiven Verhaltens kann man auf das Zusammenwirken einer aktivierten inneren Bereitschaft (Aggressivität) und einer äußeren aggressionsauslösenden Situation zurückführen. (wikipedia)'

das kenne wir doch oder? fight or flight. je nach situation oder persönlichkeit, schütze ich mich durch kampf oder flucht. so ganz instinktiv. im alltag sind es auch schon ganz 'banale' dinge, die einen dazu veranslassen sich mit aller wucht gegen entwertung und verletzung der integrität zu schützen. nun lernen wir in unserem leben, das es neben diesen primitiven mitteln auch noch ganz andere konzepte gibt, um mit angriff, entwertung und bedrohung der integrität fertig zu werden. und das ist gut so.

was das kind betrifft, das trägt keine und zwar ganz ernsthaft niemals die schuld oder verantwortung für sein verhalten. es reagiert und bedient sich seiner impulse oder bis dahin erlernten mittel. kinder haben zunächst einmal keine ahnung, wie man sich verhalten muss. das lernen sie erst durch das vorleben der allernächsten menschen in ihrem leben. die primitivsten mittel sind stark evolutionstechnisch in einem verankert und wenn man keine anderen möglichkeiten kennengelernt hat, bedient man sich an ihnen. auch noch als erwachsener. brülle und schlage ich also als kind andere, und reagiert man darauf ausschließlich mit beschämung, zwang und strafe oder gar gegengewalt, hat man mir kein adäquates mittel zur hand gegeben sondern nur gesagt, das ich falsch und wertlos bin. wenn das jetzt im laufe meiner entwicklung niemand richtig macht, erlerne ich eher nicht, wie ich mich für uns alle angemessen verhalte und dabei meine gefühle und die gefühle, der anderen achte. sinnvoll wäre, man hinterfragt meinen kommunikationsversuch, denn so sollte man aggression betrachten, aktiv und bringt mir verständnis und lösungsvorschlage entgegen. so erlerne ich einen gesunden und konstruktiven umgang mit aggression. klingt das jetzt logisch für dich? dann versichere ich dir, wie oft ich genau diese herangehensweise NICHT erlebe.

und hier kommt der erwachsene ins spiel. der ist zwar auch nur bedingt schuld, aber auf jeden fall verantwortlich für sein handeln. und zwar alle erwachsene gleichermaßen. seien es die, die das kind durch bestrafung zu richtigem handeln erziehen wollen oder erwachsene die gegen andere einfach gewalt anwenden. sehen wir erwachsenen, andere erwachsene, die es nicht besser gelernt haben, sollten wir ihnen helfen und ihnen zeigen, wie sie es besser machen können. wir können ihnen zeigen, das achtung und respekt mit verständnis und empathie zu tun hat, mit offenheit und eingeständnis vor sich selbst, das sie eben auch nur überfordert sind und hilfe brauchen. wir sollten alle unser handeln reflektieren und schauen, was wir da eigentlich tun. das gilt im umgang mit eltern, kindern, politkern, polizisten, wie mit straftätern (die liste ist uneingeschränkt erweiterbar).

häufig brechen an diesem vergleich, die meinungen wütend auseinander. wenn ich mich eben genau so äußere (oder sogar sie selbst), das manche eltern ihre kinder wie strafgefangene behandeln und das ich deren behandlung beinah ebenso falsch sehe. auch hier spreche ich aus eigenem erleben. ich habe einem menschen zu einer mindestens 5 jährigen haftstrafe verholfen. diesem erwachsenen wurde währenddessen nicht geholfen. die haftstrafe ist schon jahre um. heute befindet sich dieser mensch inmitten unserer gesellschaft. er wurde beschämt, bestraft und ausgeschlossen. verantwortung hat er nicht gelernt, für sein handeln zu übernehmen und schon mal garnicht hat man ihm ein adäquates mittel in die hand gegegeben sich angemessen zu verhalten oder sich, seine und die gefühle, der anderen zu achten. hilft weder mir, ihm, noch allen anderen. verstehst du meinen punkt hier? jetzt werde ich gerne an der stelle nämlich fehlinterpretiert. ich meine damit nicht, der straftäter soll mit verständnis machen dürfen, was auch immer er will, aber dieser mensch braucht kompetente unterstützung, in einem rahmen, der andere aber auch seine eigenen rechte nicht gefährdet. er soll verantwortung dafür übernehmen aber das muss er erlernen per anleitung und hilfestellung. klar soll man destruktive und konstruktive gewalt klar trennen. ich jedoch finde, in der handhabung sollten ähnliche - positive, und nicht das problem ignorierende und verstätkende - herangehensweisen gelebt werden.

ich hab keinen alternativ plan zur hand, aber ich bin auch kein experte und hab auch noch nicht mit einem expertenrat über eine umsetzung dieser theorien gesprochen. das hier ist meine ganz eigene meinung zu einem problem in dieser gesellschaft. wir sollten mit erwachsenen menschen so respektvoll, mit voller achtung und akzeptanz umgehen, wie mit unseren kindern. und das gilt auch anders rum. wenn da irgendwo probleme auftauchen, scheint da was in beide richtungen schief zu laufen.

fazit (für mich): selbsterhaltungsaggression ist völlig normal, gesund und als kommunikationsmittel zu betrachten. destruktive aggression ist ein riesiges thema und immer auch ein grund genauer hinzuschauen. verurteilung, wut und bestrafung sind kontraproduktiv. ursachen müssen empathisch ermittelt und vermittelt werden. verständnis zeigen - situation aufschlüsseln - lösungen anbieten und zwar in einem rahmen wo möglichst alle integritäten unverletzt bleiben. und um den (kinder-kita)kreis zu schließen: es gibt keine bösen tyrannenkinder!

also, wie stehst du zur wut und aggression? zu der fremden? zur eigenen? wie gehst du mit deiner aggression um?

wenn dich das alles noch brennender interessiert, solltest du hier weiterlesen: Aggression von Jesper Juul Gewaltfreie Kommunikation von Marshall B. Rosenberg Leidenschaftliche Aggression als Tabu? bei Psychoanalyse Aktuell Mehr Aggression bitte! beim Focus Theorien zum Erwerb und den Ursachen aggressiven Verhaltens