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Dinge oder Die Wut über's anecken.

ich bin ein wütender mensch. wenn ich mir eine basiszutat zuschreiben müsste, wäre es zorn. im nu kann ich aus den manigfaltigsten grundgefühlen beinah unaufhaltsame rage entwickeln. vor allem bei dingen die mich tief drin zwicken, wie gewalt gegen anderes leben oder bei gewalt gegen mich selbst. verspüre ich in einem gewissen radius um mich herum potential zur gewalt ist meine erste reaktion, die eigenen waffen aufzustellen. so musste ich als kind schon sein. so habe ich meine kindheit überstanden. heute versuche ich das abzulegen, denn nicht jeder ist tatsächlich gewaltätig. oder ist gewaltätig, will dies aber garnicht unbedingt sein. oder weiß vielleicht gar nicht, das er es ist. diese wut machte mich als kind schon anders. ich fiel auf. aggression ist so eine enorme energie, die man hervorragend dazu verwenden kann um sich lautstark abzugrenzen. grenzen zu setzen. sich abzusetzen. sie weist aber vor allem darauf hin, das ganz akut etwas mehr oder weniger explizites nicht stimmt. in all den nahen und flüchtigen beziehungen in meinem leben stimmten ziemlich häufig sachen nicht, was dazu führte, das ich oft sauer war. in meiner jugend sogar ziemlich anhalten sauer, so dass ich mir die augenbrauen abrasierte, mich weiß anmalte und 10km im umkreis patchouli-duft verströmte.

_MG_8562.jpgich hatte einfach keinen bock mehr, den erwartungen der anderen gerecht zu werden. ich wollte auch keine erwartungen mehr übergestülpt bekommen und schon gar nicht mehr ungefragt irgendwelche erwartungen erfüllen müssen. dem verlieh ich später auch ausdruck mit einer ladung sehr sichtbarer tattoos, einer menge schminke und wöchentlich wechselnder neon-haarfarbe. ich trug kleidung, von der ich wusste, dass sie mir ablehnung einbringen würde. ich genoss sogar all die ablehnung. je beleidigender die passanten auf der straße wurden, desto besser fühlte ich mich mit mir selbst. je mehr man mir sagte, dass ich all dies mal bereuen würde, desto sicherer war ich mit mir selbst. ich hatte nie angst vor diesen ominösen 'gesellschaftlichen' konsequenzen, diesen möglichen abfälligen blicken oder was auch immer wer über mich denken würde.

ich kann mit sicherheit behaupten, dass ich in den meisten aller fälle keinen kehricht darum gebe, was irgendwelche leute von mir halten, die sich ohnehin nicht für mich (das etwas, was in meinem körper wohnt) interessieren. ich kann mit einschränkung anführen, dass es mir sehr wohl etwas ausmacht potentiell von einer minderheit als rassistisch oder diskriminierend empfunden zu werden, obwohl ich gar nicht beabsichtigt hatte so zu sein. auch kann ich sagen, dass ich mit meinem ichsein grundsätzlich niemanden in seinem sein verletzen will. wozu auch? aber das passiert und  in einem gespräch kann man sich mit mir darüber unterhalten.

ich hab mit mir und der ganzen angepasstheitsnummer vor einer weile schon meinen frieden geschlossen. das meiste 'auffällige' an meinem körper ist ohnehin nicht mehr unsichtbar zu machen aber danach habe ich auch kein verlangen. ich bin wer ich bin und stamme aus dem was ich war. der rest ist interpretation. meine haarfarbe ist stabil, meine kleidung eher bequem und funktional und wenn ich will, kann ich auch ziemlich seriös aussehen. ich bin höfllicher als früher, rücksichtsvoller, lächle fremden menschen zu und fluche nur noch halb so oft in der öffentlichkeit.

nach all den jahren des friedens mit den erwartungen der anderen stehe ich als mutter erneut diesem schlag mensch gegenüber, welcher mich damals schon wütend machte, nur geht es dabei nicht mehr um mich. jetzt frage ich mich, wie mein sohn es wohl durch diese vorverurteilenden köpfe schafft. wie seine reise mit der anpassung verläuft. ob er den fremden erwartungen standhalten kann. ob er es schafft, sich sein lebensglück selbst zu definieren und es auch schafft dieses zu verteidigen. ob er angstfrei dabei bleibt und vielleicht auch genug wut empfinden kann um für sich einzustehen und hoffentlich sich traut anzuecken mit all den schönen kanten, die (s)eine persönlichkeit so haben kann.

mein sohn wird in 100 von 100 fällen von den unterschiedlichsten menschen, auch jeden alters, für ein mädchen gehalten. stört ihn nicht. würde mich auch nicht stören, wäre das nicht mit einer reihe von zusatzkommentaren verbunden, die besagen 'was mädchen und jungs so (aus)machen'. schlimmer noch, ist das mir unverständliche maßregeln der eltern, für ihre frechen kindhaften kinder. wie oft wurde ich schon gebeten mein kind so zu erziehen, dass es bitte nicht mehr frech kind ist. die wohl härteste probe für meinen anti-wut-versuch. manchmal stehe ich also mit sohn im aufzug, der uns von der einen haltestelle zur anderen fährt und verkneife mir jegliche böse antwort auf den erziehungsquatsch, den uns die leute so um die ohren knallen. manchmal stelle ich mir einfach vor, wie ich ihnen mit der flachen hand feste auf die stirn klatsche. beim nächsten mal belle ich vielleicht einfach und hab notfall-patchouli in der tasche.

PS. aus gegebenen Anlass mein Facebook-RANT: Festgestellt: Wir werden in eine Welt hineinerzogen, in der wir seit Kindesbeinen an erahnen müssen, was die anderen von uns erwarten und wir uns dementsprechend auch verhalten. Ansonsten sind wir falsch. Mit uns stimmt was nicht, wenn wir unbedacht daher leben. Wir ecken an wie 'der Mann aus China hier anecken würde, wenn wir ihm nicht dabei helfen ihn anzupassen.' Wir werden darauf hingedrillt, erzogen, ermahnt, erpresst und hingelogen ('kind, der onkel doktor sagt das ist nicht gut für dich auf den knien durch die bahn zu krabbeln!'). Gegen dieses Verhalten wird vielleicht noch in der Pubertät rebelliert aber mit knüppeldicken Ablehnungsdrohungen doch durchgesetzt. Im Erwachsenenalter haben wir es dann raus. Wir stehen in Aufzügen und erwarten von der gesamten Menschheit, genauso wie sie es von uns erwartet, das sie genau weiß welches Bedürfnis wir jetzt und auch sonst immer haben und zwar mit einer 110% Trefferquote. Wenn das nicht der Fall ist, ja dann aber aufgepasst. Es wird gemeckert und gemotzt. Allerdings nie direkt adressiert. Wild in die Luft wird geschimpft, das der Unmensch (Kind oder sonst wer) es nicht rafft wie man Bedürfnisse erfüllt, die er nie vom Gegenüber zuhören bekommen hat. Das ist einfach eine gesellschaftliche Norm. Darin wurde man doch eingeführt. Und sein Bedürfnis zu äußern geht nicht. Man könnte ja frecherweise eines haben. - Ja und wehe der Unmensch bemüht sich um Aufklärung oder wagt sich sein eigenes Bedürfnis, Bitte oder Wunsch womöglich zu äußern. Der Himmel möge einstürzen und Lavawellen die Erde niederreißen. Denn sowas machen wir nicht. Wir reden nicht mit Fremden und sagen nicht in einem wohlwollenden Ton was wir fühlen und brauchen. Das haben wir doch gelernt von Kindesbeinen an wie das hier läuft.